wie wir unsere Weingüter wirklich finden
Irgendwann haben wir aufgehört, nach dem perfekten Stellplatz zu suchen
Am Anfang steht selten der Stellplatz
Früher war die Suche ziemlich einfach. Wir wussten, wo wir hinwollten, haben nach Wohnmobilstellplätzen gesucht und geschaut, was davon bei einem Winzer liegt. Dann kamen Bewertungen, Fotos, Ausstattung und vielleicht noch ein Blick auf die Umgebung.
Heute machen wir es oft genau andersherum. Wir schauen zuerst, welche Weinorte uns interessieren. Welcher Landstrich passt gerade zu unserer Reise? Gibt es dort ein Weingut, dessen Weine wir schon einmal probiert haben? Eine Straußwirtschaft, von der jemand erzählt hat? Einen Ort, an dem wir sowieso einmal anhalten wollten?
Und dann beginnt die eigentliche Suche. Denn ein Weingut muss nicht groß auf einem Stellplatzportal auftauchen, um für uns interessant zu sein. Das haben wir unter anderem durch andere Camper gelernt.
In einem Wohnmobilforum suchte beispielsweise jemand ziemlich genau das, was auch wir suchen würden: keinen großen Stellplatz irgendwo in einer Weinregion, sondern einen kleinen, individuellen Platz direkt beim Winzer, möglichst mit Einblick in den Betrieb und einer Weinprobe. Die Antworten darunter waren teilweise ganz praktische Empfehlungen. Interessanter fanden wir aber etwas anderes: Die Diskussion zeigte, wie unterschiedlich die Vorstellungen davon sind, was einen guten Platz beim Winzer ausmacht. Für den einen zählt die Führung durch den Keller, für den anderen die Lage, für den nächsten eine gute Radtour in der Umgebung.
Genau deshalb lesen wir solche Beiträge gerne. Nicht, weil wir dort zwangsläufig den nächsten Stellplatz finden. Sondern weil jemand etwas erzählt, das in einer Datenbank kaum stehen würde.
Wir lesen nicht nur die Sterne
Bewertungen haben wir inzwischen ein etwas gespaltenes Verhältnis.Das passt ganz gut zu unserem letzten Artikel.
Natürlich schauen wir sie an. Wenn zwanzig Leute unabhängig voneinander dasselbe schreiben, ist das schon ein Hinweis.
Aber wir bleiben gerne bei den kleinen Sätzen hängen."Vorher anrufen.", "Am Wochenende schnell voll.", "Direkt hinter dem Platz beginnen die Weinberge.", "Winzer war gerade mitten in der Lese.", "Dusche vorhanden.", "Sehr ruhig." Solche Informationen interessieren uns.
In einem Forum fanden wir zum Beispiel den Hinweis auf ein Weingut, das nur auf Reservierung Gäste empfängt und deshalb in den gängigen Datenbanken kaum auftauchte. Genau solche Zufallsfunde sind für uns viel interessanter als die hundertste Liste mit den angeblich schönsten Stellplätzen Deutschlands.
Und manchmal entwickelt sich aus einem einzigen Beitrag eine ganze kleine Geschichte.
Jemand gibt einen Tipp. Ein anderer ergänzt seine Erfahrung. Der nächste kennt noch einen Platz in der Nähe. Einer war schon mehrfach dort. Und plötzlich bekommt man ein viel besseres Gefühl für einen Ort.
Das ist etwas anderes als eine Bewertung mit 4,7 Sternen.
Manchmal verrät ein Forum mehr als die Homepage
Das ist eigentlich ein bisschen unfair gegenüber den Winzern.
Auf der Homepage steht verständlicherweise, was angeboten wird. Wein, Vinothek, Veranstaltungen, vielleicht auch der Wohnmobilstellplatz.
Im Forum steht dagegen manchmal, wie es wirklich war. Ob man besser vorher anruft. Ob an Feiertagen alles voll ist. Ob man vom Stellplatz direkt in die Weinberge laufen kann. Ob der Platz eher klein und persönlich oder groß und gut besucht ist. Oder ob man besser nicht gerade während der Weinlese abends um zehn Uhr beim Winzer klingelt. Auch das gehört für uns zum Bild.
Es gibt z.B einen Eintrag über einen Stellplatz an der Mosel. Dort entwickelte sich aus einer schlechten Erfahrung mit einem Winzer eine Diskussion darüber, wie sich Gastgeber und Camper während der Weinlese eigentlich begegnen sollten. Der eine fühlte sich unfreundlich behandelt, andere konnten die Reaktion des Winzers nachvollziehen, weil die Lese nun einmal die anstrengendste Zeit des Jahres ist.
Wir finden solche Diskussionen wertvoll. Nicht weil wir danach den Schuldigen suchen. Sondern weil sie daran erinnern, dass hinter dem Stellplatz kein Campingplatzbetreiber sitzt, der rund um die Uhr auf Gäste wartet. Da arbeitet eine Familie. Und wenn gerade gelesen, gepresst oder abgefüllt wird, kann ein Wohnmobilist eben auch einmal zu einem ziemlich ungünstigen Zeitpunkt auftauchen.
Das gehört für uns inzwischen zur Suche dazu. Wir suchen nicht nur einen Stellplatz. Wir suchen einen Ort, an dem wir uns als Gäste vernünftig verhalten können.
Social Media ist für uns eher Schaufenster als Stellplatzführer
Auch Instagram und Facebook schauen wir uns inzwischen gerne an. Nicht unbedingt, um einen Stellplatz zu finden. Dafür sind die klassischen Stellplatzportale meistens schneller.
Aber Social Media zeigt uns etwas anderes: das Leben auf dem Weingut. Wie sieht es während der Weinlese aus? Was passiert auf dem Hof? Gibt es eine Straußwirtschaft? Wie wird gearbeitet?Ist der Stellplatz irgendwo hinter einer Halle oder tatsächlich zwischen Reben und Hof?
Und manchmal sieht man auf einem Foto ganz nebenbei mehr als auf zehn Seiten Beschreibung.
Einen Tisch vor der Vinothek. Kisten mit frisch abgefülltem Wein. Den Traktor vor der Halle. Gäste bei einer Weinprobe. Oder einfach einen Hof, bei dem wir denken: Ja, hier könnten wir uns vorstellen, eine Nacht zu stehen.
Das ist für uns ein guter Grund, ein Weingut näher anzuschauen. Aber noch kein Grund, hinzufahren. Denn schöne Bilder können vieles. Sie können allerdings nicht erzählen, wie wir uns dort fühlen.

Wir schauen inzwischen auch auf das, was neben dem Wein liegt
Wir haben gelernt, das ein Weingut guten Wein machen kann und trotzdem nicht zu unserer Reise passen. Deshalb schauen wir mittlerweile auch auf die Umgebung. Kann man vom Hof aus spazieren? Gibt es einen Radweg? Liegt ein Ort in der Nähe? Gibt es eine Straußwirtschaft? Können wir morgens eine Runde durch die Weinberge laufen? Oder steht man zwar bei einem Winzer, aber eigentlich an einer vielbefahrenen Straße?
In einem Forum wurde beispielsweise ein Weingut empfohlen, weil hinter dem Stellplatz direkt die Weinberge beginnen und man von dort aus zu Fuß oder mit dem Fahrrad weiterkommt. Ein anderer Camper erwähnte die Fernsicht und die Nähe zu Ausflugszielen. Genau solche Ergänzungen machen für uns einen Platz interessant.
Denn der Stellplatz ist nur ein Teil des Aufenthalts. Wir wollen nicht den ganzen Tag auf dem Stellplatz vor unserem Wohnmobil sitzen. Wir wollen los.
Ein bisschen laufen. Mit dem Rad fahren. Einen Ort anschauen. Vielleicht irgendwo einkehren. Und am Abend wieder zum Weingut zurückkommen.
Und dann rufen wir manchmal einfach an
Das ist wahrscheinlich die unspektakulärste, aber gleichzeitig wichtigste Methode. Anrufen.
Nicht jedes Weingut, das irgendwo als Wohnmobilstellplatz genannt wird, möchte ständig spontane Gäste auf dem Hof haben. Manche haben nur wenige Plätze. Manche nehmen nur nach Anmeldung Wohnmobile auf. Andere sind während bestimmter Zeiten gar nicht darauf eingerichtet.
Ein Anruf dauert zwei Minuten. Und manchmal erfahren wir dabei mehr als durch eine halbe Stunde Internetrecherche. Ist überhaupt Platz? Wo stehen wir? Können wir mit unserem Wohnmobil gut hineinfahren? Ist gerade Weinlese?Kann man Wein probieren? Gibt es eine Möglichkeit zum Frühstück oder Essen?
Und ganz nebenbei bekommt man schon einen ersten Eindruck davon, wie der Umgang miteinander ist. Das muss gar kein langes Gespräch sein. Manchmal reicht ein freundliches "Ja, kommen Sie gerne vorbei". Manchmal merkt man aber auch: Das passt gerade nicht. Dann fahren wir eben weiter. Das gehört dazu.
Wir suchen nicht mehr nach Geheimtipps
Den Begriff "Geheimtipp" finden wir inzwischen ohnehin etwas schwierig.
In einem Forum fragte einmal jemand nach genau solchen Geheimtipps für Winzer mit Stellplatz. Eine Antwort darauf blieb uns hängen: Ein guter Winzer könne eigentlich gar kein Geheimtipp bleiben, denn irgendwann müsse man ja bekannt sein, um davon leben zu können. Eigentlich hat er recht.
Wir müssen kein Weingut entdecken, das noch niemand kennt. Wir freuen uns viel mehr, wenn wir einen Betrieb finden, der zu uns passt. Das kann ein bekannter Winzer sein. Oder ein kleiner Hof, von dem wir vorher noch nie gehört haben.
Manchmal stehen dort zehn Wohnmobile. Manchmal nur zwei. Manchmal ist der Platz perfekt ausgebaut. Manchmal stehen wir einfach auf einem Stück Wiese neben der Halle.
Das entscheidet für uns nicht darüber, ob wir wiederkommen.
Unser Weg zum Weingut ist deshalb ziemlich unspektakulär
Wir schauen in Stellplatzportale. Wir lesen Foren. Wir sehen uns die Homepage an. Wir stöbern bei Instagram. Wir schauen auf Karten, lesen die Erfahrungen anderer und überlegen, was wir in der Umgebung machen können.
Und irgendwann bleiben vielleicht zwei oder drei Weingüter übrig. Dann entscheiden wir nicht nach Punkten. Sondern nach Gefühl. Welcher Hof spricht uns an? Wo würden wir gerne einen Abend verbringen? Wo können wir uns vorstellen, morgens die Tür aufzumachen und erst einmal in die Weinberge zu schauen? Und welches Weingut passt gerade zu unserer Reise?
Manchmal liegen wir damit richtig. Manchmal auch nicht. Aber genau das gehört für uns zum Reisen mit dem Wohnmobil dazu.
Eigentlich suchen wir gar keinen Stellplatz
Wenn wir heute darüber nachdenken, wie sich unsere Suche verändert hat, ist es vielleicht genau das.
Wir suchen gar nicht mehr in erster Linie einen Stellplatz. Wir suchen ein Weingut. Einen Ort, an dem Wein gemacht wird. Einen Hof, auf dem gearbeitet wird. Einen Winzer, der vielleicht gerade Zeit für ein kurzes Gespräch hat und vielleicht auch nicht. Einen Platz, von dem aus wir zu Fuß oder mit dem Fahrrad losziehen können.
Und wenn wir abends vor dem Wohnmobil sitzen, die erste Flasche geöffnet ist und irgendwo auf dem Hof noch ein Traktor bewegt wird, merken wir meistens ziemlich schnell, ob wir mit unserer Suche richtig lagen. Dann ist uns auch ziemlich egal, ob dieser Platz in irgendeiner App vier oder fünf Sterne hat.
